/ Stefan Kress

GA4 oder Matomo: worauf es für ein Schweizer KMU ankommt

Ob ihr Google Analytics 4 oder Matomo einsetzt, ist weniger entscheidend, als oft angenommen wird: Beide Werkzeuge messen im Grundsatz Ähnliches. Wichtiger sind eine saubere Konfiguration, eine klare Fragestellung und der bewusste Umgang mit den Daten. Trotzdem gibt es ehrliche Unterschiede, die bei der Wahl helfen.

Warum die Wahl zwischen GA4 und Matomo überschätzt wird

In den meisten KMU-Projekten geht es um dieselben Kernfragen: Woher kommen die Besucher, welche Seiten werden gelesen, was führt zu einer Anfrage? Diese Fragen beantworten GA4 und Matomo beide zuverlässig – sofern das Tracking korrekt eingerichtet ist.

Die häufigste Fehlerquelle ist nicht die Marke, sondern die Umsetzung:

  • unsauber definierte Ziele und Ereignisse
  • Eigenzugriffe und Bot-Traffic, die nicht herausgefiltert werden
  • Zahlen, die niemand liest oder einordnet

Wer diese Punkte ignoriert, bekommt mit jedem Werkzeug ein schiefes Bild.

Wo sich GA4 und Matomo wirklich unterscheiden

Es gibt reale Unterschiede, die zur Zielsetzung passen müssen:

  • Matomo lässt sich selbst hosten oder in einer Schweizer Cloud betreiben. Die Daten bleiben unter eurer Kontrolle, der Betrieb ist cookielos und datensparsam möglich.
  • GA4 ist kostenlos, weit verbreitet und sehr mächtig. Die Daten fliessen jedoch zu Google – ein Transfer in die USA, der datenschutzrechtlich abgewogen werden muss. Das Werkzeug ist zudem stark auf das Werbe-Ökosystem ausgerichtet.

Für ein datenschutzbewusstes KMU spricht vieles für ein selbst oder in der Schweiz gehostetes Matomo. GA4 lässt sich nach revDSG konform konfigurieren, wenn ihr es ohnehin nutzt – das verlangt aber bewusste Einstellungen und eine saubere Datenschutzerklärung.

Die bessere Webanalyse ist nicht die mit dem bekannteren Namen, sondern die, deren Zahlen ihr versteht und der ihr vertrauen könnt.

Die Unterschiede im direkten Vergleich

Die Zeilen sind nach Entscheidungsrelevanz geordnet: Was oben steht, entscheidet die Wahl; was unten steht, ist Komfort.

EigenschaftGoogle Analytics 4Matomo
Wo die Daten liegenauf der Infrastruktur von Google, mit Verarbeitung ausserhalb der Schweizselbst gehostet auf eurem Server oder in einer Cloud mit wählbarem Standort
Kontrolle über die Rohdatenüber den BigQuery-Export, also über ein weiteres Google-Produktdirekt in eurer eigenen Datenbank
Lizenz und Kostenkostenlos in der Standardversion; die Bezahlvariante zielt auf Konzerneselbst gehostet quelloffen und lizenzkostenfrei, dafür Betriebsaufwand; die Cloud-Variante kostet, einzelne Erweiterungen ebenfalls
Cookieloser Betriebnicht der vorgesehene Normalfallvorgesehen und konfigurierbar; ob damit ein Banner entfällt, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab
Datenmodellrein ereignisbasiert – auch der Seitenaufruf ist ein EreignisBesuche und Seitenaufrufe als Grundgerüst, Ereignisse zusätzlich
Einzelne Besuche einsehbarnein, das Werkzeug ist auf Aggregate ausgelegtja, über das Besucherprotokoll – was datenschutzrechtlich bewusst abzuwägen ist
Stichproben in Auswertungenin freien Analysen ab bestimmten Datenmengen möglichstandardmässig wird auf allen Daten gerechnet
Aufbewahrung der Ereignisdatenbegrenzt und einstellbar – in Monaten, nicht in Jahrenihr entscheidet, wie lange ihr aufbewahrt
Server-Logs importierbarneinja, Matomo kann Access-Logs einlesen und so auch Zugriffe ohne JavaScript auswerten
Anbindung an Werbe-Plattformeneng mit Google Ads verzahntvorhanden, aber nicht der Schwerpunkt
Betriebsaufwand für euchkeinerbei Self-Hosting real: Updates, Datenbank, Archivierung per Cron

Zwei Zeilen sind für ein KMU oft die entscheidenden: Wo die Daten liegen – das ist eine Grundsatzentscheidung, keine Einstellung – und Server-Logs importierbar. Die zweite wird fast immer übersehen: Matomo kann dieselben Access-Logs auswerten, aus denen sonst nur die Loganalyse liest. Damit lässt sich der Consent-Gap in demselben Werkzeug sichtbar machen, das ihn erzeugt.

Warum wir mit dem Werkzeug arbeiten, das schon läuft

Wir sind werkzeug-agnostisch: Wir arbeiten mit dem, was bei euch im Einsatz ist, und richten es so ein, dass es belastbare Antworten liefert. Steht eine Neuwahl an, knüpfen wir die Empfehlung an eure Ziele und eure Datenschutzhaltung – nicht an eine Lieblingsmarke.

Wie ihr euer bestehendes Analyse-Setup selbst prüft

Bevor ihr das Werkzeug wechselt, prüft das vorhandene. Die folgende Reihenfolge deckt die Fehler auf, die in beiden Werkzeugen dieselben sind – und sie kostet euch einen Nachmittag, keinen Migrationsentscheid.

  1. Die Fragen vor das Werkzeug stellen. Schreibt drei bis fünf Entscheidungen auf, die ihr mit den Zahlen stützen wollt – etwa «Lohnt sich der Newsletter?» oder «Kommen Anfragen eher über die Suche oder über Empfehlungen?». Jede Kennzahl, die auf keine dieser Fragen antwortet, ist Dekoration. Werkzeuge, die keine dieser Fragen beantworten können, fallen hier durch – nicht im Funktionsvergleich.
  2. Zählen, wie oft der Tracker feuert. Öffnet eine beliebige Seite mit geöffnetem Netzwerk-Tab der Browser-Entwicklerwerkzeuge und filtert auf die Tracking-Anfrage (bei Matomo matomo.php, bei GA4 die Anfragen an den Google-Endpunkt). Ein Seitenaufruf darf genau eine Zählanfrage auslösen. Zwei bedeuten doppelt eingebundenes Tracking – typischerweise einmal über ein Plugin und einmal über den Tag-Manager oder das Theme. Dann sind all eure Zahlen doppelt, und niemand hat es gemerkt.
  3. Eine Zielerreichung testweise auslösen. Füllt euer Kontaktformular selbst aus und sucht den Abschluss im Echtzeitbericht. Taucht er dort nicht auf, ist das Ziel nicht erfasst – und eure Konversionsrate ist keine Kennzahl, sondern eine Null. Wartet dafür nicht auf die Standardberichte; die zeigen mit Verzögerung.
  4. Eigenzugriffe ausschliessen und die Wirkung prüfen. Eure eigene IP, die der Agentur, die des Hostings. In Matomo ist das eine Ausschlussliste; in GA4 braucht es eine Regel für internen Traffic und einen Datenfilter – siehe Fallstricke.
  5. Den Bot-Filter kontrollieren. Beide Werkzeuge filtern bekannte Bots, aber unterschiedlich weit. Wichtig ist weniger, dass gefiltert wird, als dass ihr wisst, was gefiltert wird – sonst vergleicht ihr später Log-Zahlen mit Tracking-Zahlen und deutet die Differenz falsch.
  6. Den Ablehn-Fall durchspielen. Klickt den Consent-Banner weg und schaut erneut in den Netzwerk-Tab. Geht trotzdem eine Zählanfrage raus, ist eure Einwilligungslogik kaputt – ein Datenschutzproblem. Geht keine raus, seht ihr live, wie euer Consent-Gap entsteht.
  7. Aufbewahrung und Export festlegen. Klärt, wie lange eure Daten gespeichert bleiben und wie ihr im Notfall herauskommt. Diese Frage stellt sich erst beim Wechsel – und dann ist es zu spät, sie zu stellen.

Zwei Fallstricke, an denen das in der Praxis scheitert:

  • Der GA4-Datenfilter für internen Traffic ist nach dem Anlegen nicht aktiv. Er wird im Zustand «Testen» erstellt und filtert dann genau nichts; er markiert die Daten nur. Erst wenn ihr ihn ausdrücklich aktiviert, greift er – und er wirkt nicht rückwirkend. Sehr viele KMU-Konten haben eine korrekt definierte Regel, die nie eingeschaltet wurde. Auf einer Website mit wenigen hundert Besuchern im Monat sind die eigenen Zugriffe keine Randgrösse.
  • Ein Werkzeugwechsel bricht eure Zeitreihe. GA4 und Matomo zählen Besuche nicht identisch; nach einer Migration sinkt oder steigt die Kurve, ohne dass sich am Geschäft irgendetwas geändert hätte. Wer den Sprung nicht als Werkzeugeffekt erkennt, sucht die Ursache im Marketing. Wenn ihr wechselt, betreibt beide Werkzeuge eine Zeit lang parallel und dokumentiert den Umrechnungsfaktor, den ihr seht – er ist eine Eigenschaft eurer Website, keine allgemeine Konstante.

Und die ehrliche Grenze: Selbst ein perfekt konfiguriertes Werkzeug misst nur die Besucher, die sich messen lassen. Kein Wechsel von GA4 zu Matomo ändert daran etwas – das ist eine Frage der Messmethode, nicht der Marke.

Die Marke eures Analyse-Werkzeugs entscheidet weniger als seine Einstellungen

Die Frage, die mir in Erstgesprächen am häufigsten gestellt wird, lautet: «Sollen wir auf Matomo wechseln?» Meine Gegenfrage ist unspektakulär: «Was steht denn heute in eurem Bericht, und stimmt es?»

In den meisten Fällen finde ich dann dieselben Dinge, unabhängig davon, welches Werkzeug installiert ist. Das Kontaktformular ist nicht als Ziel erfasst, also gibt es keine Konversionsrate. Die eigenen Zugriffe – Geschäftsleitung, Agentur, Redaktion – zählen mit, und bei einer Website mit überschaubarem Verkehr fällt das ins Gewicht. Manchmal ist der Zähler doppelt eingebaut, einmal vom Webbauer, einmal vom Marketing, und alle Zahlen sind schlicht doppelt so hoch.

Ein Werkzeugwechsel behebt keinen dieser Punkte. Er verschiebt sie nur auf ein neues Logo.

Was hinter den Begriffen steckt, wenn euch jemand ein Analyse-Tool empfiehlt

Google Analytics 4

Das Analyse-Werkzeug von Google, kostenlos in der Standardversion. Die Daten eurer Besucher werden dabei auf der Infrastruktur von Google verarbeitet, nicht auf eurer – das ist der Preis, den ihr statt Geld bezahlt. Es ist eng mit der Werbeplattform von Google verzahnt, was ein Vorteil ist, wenn ihr dort Werbung schaltet, und ein Nachteil, wenn nicht.

Matomo

Ein quelloffenes Analyse-Werkzeug, das ihr auf eurem eigenen Server oder in einer Cloud eurer Wahl betreibt. Die Daten bleiben dort, wo ihr sie hinstellt. Dafür tragt ihr beim Selbstbetrieb den Aufwand: Updates, Datenbank, Wartung.

Selbst gehostet

Die Software läuft auf einem Server, über den ihr verfügt – nicht beim Hersteller. Ihr behaltet die Kontrolle über die Daten und übernehmt dafür den Betrieb. Beides gehört zusammen; wer das eine will, muss das andere einplanen oder einkaufen.

Cookieloser Betrieb

Eine Messweise, die ohne die Wiedererkennungsmerkmale auskommt, für die es eine Einwilligung braucht. Ihr seht dann weniger im Detail – etwa nicht mehr sicher, ob jemand am Dienstag und am Freitag dieselbe Person war – erfasst dafür aber mehr Besucher. Ob ein Banner damit ganz entfällt, hängt an der konkreten Konfiguration und gehört rechtlich geprüft.

Warum ich zuerst die Konfiguration prüfe und erst dann das Werkzeug

Ich habe kein Lieblingswerkzeug, und das ist keine Bequemlichkeit, sondern eine Erfahrung: Der Nutzen einer Webanalyse entsteht fast vollständig aus zwei Dingen, die nichts mit der Marke zu tun haben. Erstens, ob die Ziele erfasst sind, die für euer Geschäft zählen. Zweitens, ob jemand die Zahlen tatsächlich liest und daraus etwas ableitet. Ein makellos konfiguriertes Matomo, in das nie jemand schaut, ist wertlos – ein sauber eingerichtetes GA4, also Google Analytics 4, aus dem ihr monatlich drei Entscheidungen ableitet, ist bares Geld wert.

Wo die Marke dann doch zählt, ist bei einer Frage, die keine Einstellung löst: wo eure Besucherdaten liegen. Das ist eine Grundsatzentscheidung, und sie ist rechtlicher und unternehmerischer Natur, nicht technischer. Wenn ihr diese Kontrolle wollt oder braucht, führt der Weg an einem selbst oder in der Schweiz gehosteten Werkzeug kaum vorbei. Wenn ihr ohnehin stark mit Google Ads arbeitet, kostet euch ein Wechsel Anbindung, die ihr täglich nutzt. Beides sind legitime Antworten – aber es sind Antworten auf eure Situation, nicht auf eine Produktfrage.

Was ich euch nicht verspreche: dass die Zahlen nach dem Aufräumen stimmen. Sie werden nach dem Aufräumen ehrlicher – und in aller Regel niedriger, weil eure eigenen Zugriffe und die Maschinen herausfallen. Das ist der Moment, in dem eine Webanalyse tatsächlich beginnt, brauchbar zu sein.

Häufige Fragen

Ist Matomo automatisch datenschutzkonform?

Nicht automatisch, aber es bietet bessere Voraussetzungen: cookieloser Betrieb, Hosting in der Schweiz und volle Datenkontrolle. Auch hier braucht es eine korrekte Konfiguration und eine passende Datenschutzerklärung nach revDSG.

Darf ich GA4 in der Schweiz überhaupt einsetzen?

Ja, der Einsatz ist möglich. Zu beachten ist der Datentransfer in die USA, der transparent gemacht und je nach Konfiguration mit einer Einwilligung abgesichert werden muss. Eine datensparsame Grundeinstellung ist empfehlenswert.

Lohnt sich ein Wechsel des bestehenden Werkzeugs?

Nur, wenn ein konkreter Grund vorliegt – etwa Datenschutzanforderungen oder fehlende Datenkontrolle. Funktioniert eure bestehende Lösung sauber, ist eine bessere Konfiguration meist wirkungsvoller als ein Wechsel.

Was kostet mich Matomo im Selbstbetrieb wirklich?

Keine Lizenz, aber Betrieb: Die Software läuft auf eurem Server, braucht regelmässige Updates, eine Datenbank und eine funktionierende Archivierung per Cron-Job. Fällt Letztere aus, stehen die Berichte still, ohne dass eine Fehlermeldung erscheint. Wer diesen Aufwand nicht tragen will, nimmt die Cloud-Variante – dann kostet es Geld statt Zeit.

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